Ramsi



Vergesellschaftung


(Dieser Artikel wurde ursprünglich für die Website des Tierheims Aachen verfasst.)

Beginnen wir mal mit einem leider nur teilweise hypothetischen Fallbeispiel.
Familie XYZ hat eine 18 jährige Katzendame, die ihrem Alter entsprechend ihre Tage in einer eher ruhigen Art zubringt - sie schläft viel, schmust gelegentlich und frisst öfter mal ein bisschen. Jetzt hat sich ein Familienmitglied in den Kopf gesetzt, dass ein wenig "Leben in der Bude" ganz nett wäre und außerdem wollte man schon immer mal ein Rassetier, also wird für viel Geld ein kleiner Siamkater ins Haus geholt, der seinem Alter und seiner Rasse entsprechend 20 Stunden täglich "mittendrin statt nur dabei" ist und den Anspruch nach "Leben in der Bude" voll erfüllt. Die alte Katzendame reagiert darauf jedoch etwas genervt, und um dem Ausdruck zu verleihen, zieht sei zunächst in eine leicht zu verteidigende Ecke um und pinkelt fortan nur noch neben das Katzenklo. Familie XYZ ist darob sehr erschrocken und findet, dass sie schon genug damit zu tun hat, den kleinen Siamkater zu bespaßen, zusätzliche Putzarbeit muss da wirklich nicht sein, also bringt sie die ältere Katzendame ins Tierheim. Die Anfrage, ob sie
vielleicht im Gegenzug ein Kätzchen zur Gesellschaft des Siamkaters mit nach Hause nehmen können, wird im Tierheim abgelehnt - hat sich doch Familie XYZ gerade als sehr verantwortungslos geoutet, und solchen Menschen vertraut man dann doch lieber kein Tier an. Familie XYZ ist aber ganz plietsch und besorgt sich einfach auf dem nächstgelegenen Bauernhof ein kleines Kätzchen.
Nachdem dann die ersten Tierarztbesuche mit beiden Kätzchen für viel Geld hinter sich gebracht wurden, denn der Neuzugang hat Würmer und Flöhe ins Haus gebracht, sterben beide Kätzchen an irgendeiner ansteckenden Krankheit.

Was lernen wir daraus ?
Zunächst einmal das erste Gebot : wenn man ein neues Tier ins Haus holen möchte, geht immer das Wohl der bereits vorhandenen Familienmitglieder vor ! Das oberste Gebot ist die Verantwortung gegen die Haushaltsmitglieder, es MUSS gewährleistet sein, dass niemand durch einen Neuzugang krank wird. Dies kann weitestgehend dadurch gewährleistet werden, dass man z.B. ein Tier aus dem Tierheim holt (getestet, geimpft und entwurmt), oder sich vom sonstigen Vorbesitzer entsprechende Unterlagen zeigen lässt. Gesunde Tiere bekommt man NICHT an jeder Ecke ! Und billig, gar umsonst, sind sie auch nicht !
Das zweite Gebot : man sollte sich eingehend Gedanken darüber machen, was die bereits vorhandene   Katze(n) wohl sagen würde(n), wenn man sie fragen könnte, was sie von einem Neuzugang halten würde(n). Man muss sich über ihren Charakter und ihre Eigenheiten im Klaren sein. Kommt man nämlich zu dem Schluss, dass sie gegen einen Neuzugang wohl nichts einzuwenden hätte(n), kann man dann
Drittens : ein passendes Tier auswählen. Auch hier ist es von Vorteil, wenn man ein Tier aus dem Tierheim nimmt. Denn die Tierpfleger können die einzelnen Charaktere meist sehr gut einschätzen.

So sollte man z.B. niemals ein Tier dazuholen, welches bereits dafür bekannt ist, keine Götter neben sich selbst zuzulassen, oder einen Alleinherrscheranspruch zu haben. Denn für eine alteingesessene Katze ist ihre Wohnung ihr eigenes Revier. Sie kann sich zwar dazu entschließen, einer anderen Katze die Mitbenutzung des Reviers zu gestatten, muss es aber nicht. Und wenn man dann jemanden ins Haus holt, der von Anfang an auf Krawall gebürstet ist, dann darf man sich nicht darüber wundern, wenn Nachtruhe oder auch allgemein ruhige Minuten bald nur noch einer schönen Erinnerung angehören - lautes Kampfgeschrei wird die Räume erfüllen, die Katzen werden die Menschen nicht sonderlich beachten, sondern nur noch Revieransprüche geltend machen - zur Not, indem sie wirklich alles markieren, was ihnen in den Sinn kommt.

Also : man muss sich im Klaren sein, ob die eigene Katze überhaupt einen Neuzugang begrüßen würde. Dies ist z.B. keine Frage bei einer grundsätzlich sehr sozialen Katze, deren Kamerad verstorben ist. Was in so einem Fall zu tun ist, darüber gehen die Meinungen auseinander und es gibt kein Patentrezept. Eine Fraktion meint, je eher eine neue Katze ins Haus kommt, desto besser. Ein andere Fraktion ist eher der Meinung, dass man der überlebenden Katze ihre Trauerzeit zugestehen sollte. Wie immer kommt es also am ehesten auf das Feingefühl des Katzenbesitzers und sein Gespür für die Situation an. Lernen Sie ihr Tier kennen, damit Sie bestmögliche Entscheidungen für es treffen können. Katzen sind ebenso unterschiedlich wie Menschen und jede Seele muss respektiert werden, wie sie nun mal ist. Oder auf deutsch : "Jeder Jeck ist anders."
Hat man also beschlossen, eine zusätzliche Katze ins Haus zu holen, und sich für einen Zeitpunkt entschieden, ist es gut, entweder ein eher selbstbewusst, aber respektvoll agierendes Tier zu holen, welches seinerseits sozial ist, oder ein Kätzchen, sofern der Altersunterschied zur jüngsten Katze im Haushalt nicht zu groß ist. Es sollte mindestens ein Tier im Haushalt für Spiel und Spaß zur Verfügung stehen. Kätzchen werden im allgemeinen leichter akzeptiert als erwachsene Katzen (bei normalen Katzen gilt Welpenschutz, d.h. Kätzchen werden nicht angegriffen und getötet), aber wie gesagt nur, wenn der Altersunterschied nicht allzu groß ist. Auch bei Menschen ist es nicht anders, man wird selten ein Seniorenheim und einen Kindergarten unter einem Dach finden.

Jetzt muss man also ein entsprechendes Tier suchen und finden. Es ist wenig hilfreich, in dieser Situation aus Mitleid einfach irgendeine Katze ins Haus zu nehmen, sie sollte schon dazu passen.
Jetzt ist der große Tag da, und der Neuzugang wartet an der Türschwelle.
Darüber, was jetzt zu tun ist, ist die Menschheit wiederum gespaltener Meinung.
Es gibt Menschen, die halten es für besser und sicherer, den Neuzugang vom bereits vorhandenem Tier erst einmal zu trennen.
Das geht dann z.B. folgendermaßen : Man setzt den Neuzugang zunächst vollständig mit Klo und Futter ausgerüstet, in ein eigenes Zimmer. Tür zu. Am nächsten Tag setzt man den Neuzugang um und lässt das andere Tier in Ruhe den Geruch aufnehmen. Nach ein paar Tagen gewährt man dann den ersten Sichtkontakt, man kann z.B. eine Tür mit Draht zur Barriere ausbauen, und füttert die Tiere dann direkt am Gitter usw.
Es geht das Gerücht, dass nichts für eine Katze so beruhigend ist wie der Anblick einer sich putzenden Katze, deswegen kann man auch den Tieren etwas Leberwurst ins Fell schmieren, sie riechen dann gleich und putzen sich. Man kann die Tiere auch abwechselnd mit demselben Handtuch abreiben, damit sie sich an den Geruch des anderen gewöhnen.
Irgendwann lässt man sie dann zusammen und lebt fortan glücklich und zufrieden.
Die andere Methode ist : Neuzugang einfach laufen lassen und schauen, was passiert. Ein bisschen Geknurre und sonstige Urwaldgeräusche sind vollkommen normal, es kann eine Zeit dauern (Wochen), bis jeder wieder seinen Platz im Rudel gefunden hat, solange ist das Leben halt unruhig.

Ein sehr beliebter Fehler von Menschen ist, das wir es sehr ungerecht finden, wenn der Neuzugang vom Alttier angeblökt wird. Wir neigen dazu, die "gemeine" Behandlung kompensieren zu wollen, und mischen uns dauernd in die ganz normalen Rangstreitigkeiten ein, schimpfen mit dem Alttier und verhätscheln den Neuzugang.
Das ist absolut falsch ! Das Alttier muss am besten den ganzen Tag verwöhnt und der Neuzugang nicht beachtet werden. So wird das Alttier von seiner Angst befreit, sein Revier zu verlieren, und Eifersucht wird direkt im Keim erstickt. Ansonsten wird das Alttier irgendwann zu dem Schluss kommen, dass der Neuzugang an allem Schuld ist und früher alles besser war, und schon hat man einen Katzenkrieg vom Feinsten.
Katzen MÜSSEN, solange die Streitereien im normalen Rahmen bleiben, ihren Knies untereinander austragen.
Was ist nun der normale Rahmen ?
Der normale Rahmen besteht darin, dass kein Tier unterdrückt wird. Jede Katze muss die Möglichkeit haben, sich zurückzuziehen, ihr Klo zu benutzen, zu fressen und zu schlafen. Sonst wird sie krank.
Haben also zwei Kater ein Problem miteinander, und es äußert sich darin, dass sie sich gelegentlich durch die Gegend scheuchen, anfauchen oder anknurren, aber zu den Ruhezeiten können sie in einem Zimmer liegen und beide tief und fest ein paar Stunden lang schlafen und sie können auch nebeneinander fressen, ist das im normalen Rahmen. Wenn eine Katze nur noch in einer Höhle hockt und jedesmal verprügelt wird, sobald sie die Nase heraussteckt, ist das NICHT im normalen Rahmen, und man sollte sich bemühen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Hierfür gibt es verschiedene Hilfsmittel (z.B. Feliway und Felifriend -> Tierarzt fragen!). Wenn dadurch keine Besserung eintritt, gibt es noch ein paar Optionen, die eher Glaubenssache sind (Tierkommunikation, Bachblüten). Wenn der Zustand aber längere Zeit anhält, muss man den Neuzugang aber zu dessen eigenen Wohle wieder zurück in die Vermittlung bringen.

Wenn ein Neuzugang kommt, ist das für alle Beteiligten eine Umstellung, und eine gewisse Unruhe und auch Rangordnungsstreitigkeiten sind für eine gewisse Zeit völlig normal und bedeuten NICHT, dass die Katzen sich niemals arrangieren können oder sich nicht mögen.
Aber, um es noch einmal zu betonen, das Beste ist, wenn man sich VORHER mit den Charakteren, so gut es eben geht, vertraut macht.
Übrigens ist es oft so, dass Tiere, die Menschen gegenüber eher scheu sind, sich schneller mit anderen Katzen arrangieren, eben weil sie die gleiche Sprache sprechen, als vollkommen vermenschlichte Tiere.
Hier in der Katzenredaktion wurden schon viele Katzenzusammenführungen veranstaltet, weil wir auch als Pflegestelle für "Problemkatzen" fungieren, und es ist einmal komplett schiefgegangen - bei einer Katze, die wirklich im Wortsinne asozial gegen andere Katzen war und vom zweiten Tag an die gesamte Wohnung für sich beanspruchte und sich auf alles, was vier Beine hatte, mit Gebrüll stürzte. Oberkater Ramsi hat durchaus versucht, ihr Manieren beizubringen, aber das hielt immer nur einen Tag vor - die anderen Katzen haben nur noch unter dem Bett gewohnt.

Also : wenn Sie sich zur Zweitkatze entschließen, erwarten Sie bitte nicht, dass das bereits vorhandene Tier dem Neuzugang jubelnd um den Hals fällt. Das kommt zwar auch vor, ist aber eher selten. Stellen Sie sich vielmehr darauf ein, Geräusche von Ihrer Katze zu hören, die Sie vorher noch nie gehört haben. Wenn aber alles vorher gut geplant wurde und dann normal verläuft, werden Sie mittelfristig ein entspannteres Leben führen, denn Sie dürfen fortan auch mal die Wohnung verlassen, ohne mit schlechtem Gewissen an das einsame Tier zu Hause denken zu müssen. Die Katze wird es Ihnen danken!