Ramsi



Glücklich vermittelt - Josie alias Sunny


(Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Magazin "Stadtgeschnupper" geschrieben.)
Was genau der kleinen dreifarbigen Katze zugestoßen war, die Im Sommer 2006 auf einmal schwer verletzt in der Nähe der Jülicher Straße in Aachen aufgetaucht war, das hat sie niemandem verraten. Jedoch war ihr Zustand so besorgniserregend, dass Anwohner das Tierheim Aachen informierten. Die menschenscheue Katze wurde also eingefangen und ins Tierheim gebracht, wo der Tierarzt leider feststellen musste, dass die Kleine nur zu retten war, wenn man ihr linkes Vorderbein komplett amputierte. Die Operation wurde durchgeführt und der Zustand der Katze besserte sich zusehendst. Jetzt stand jedoch ein neues Problem im Raum. Da die Kleine jetzt behindert war, war es nicht zu verantworten, sie in ihrer gewohnten Umgebung wieder freizusetzen, und so wurde sie im Tierheim behalten und zur Vermittlung ausgeschrieben. Wohl wissend, dass niemand besonders scharf auf eine dreibeinige menschenscheue Katze ist, wurde sie direkt als "Notfall" deklariert.
Dreifarbige Katzen werden auch "Glückskatzen" genannt, und die Kleine, die mittlerweile den Namen "Josie" trug, hatte es wahrlich nicht leicht, dieser Bezeichnung gerecht zu werden.

Dennoch sah sie schon nach kurzer Zeit jemand auf der Homepage des Tierheims und dachte sich "Wow, was für eine schöne Katze !". Denn das ist sie. Praktischerweise handelte es sich bei diesem "Jemand" um ein Mitglied einer Familie, die nicht nur kein Problem mit menschenscheuen Katzen haben, sondern auch viel Erfahrung im Umgang mit diesen und sogar eine besondere Zuneigung zu ihnen, denn, seien wir mal ehrlich, was kommt im Leben eines Tierhalters dem absoluten Glücksgefühl, wenn so ein Tier zum ersten Mal Vertrauen zeigt, sich zum ersten Mal anfassen lässt, sonst auch nur im Entferntesten nahe ?

Jedenfalls war in dieser Familie gerade ein Platz frei, und zwar nicht aus dem traurigen Anlass eines Tiersterbefalls sondern aus dem glücklichen Anlass eines Hauskaufs. Die netten Kater, die in der der Internetanzeige gefordert wurden, waren auch vorhanden, mindestens zwei, bei dem dritten Kater war man sich nicht so sicher, da er noch relativ neu in der Familie war. Er wurde übrigens bereits in dieser Rubrik vorgestellt, es handelt sich um den Siamkater Gismo. Ein weibliches Tier war auch noch vorhanden, und auch hier war man sich nicht sicher, heißt es doch, dass es in jedem Haushalt nur eine wahre Königin geben kann. Dennoch wurde beschlossen, das Wagnis einzugehen, und die kleine Josie zu adoptieren, wenn sich bis Weihnachten niemand anders gefunden haben sollte. Weihnachten kam dann und mit ihm der heiß ersehnte dreiwöchige Urlaub, und da Josie immer noch im Tierheim saß, wurde sie am ersten Tag des Urlaubs nach Hause geholt.
Im Gegensatz zu den anderen Katzen versteckte Sunny, wie sie fortan hieß, sich anfangs nicht, sondern lag deutlich sichtbar im Wintergarten herum. Ihr Gehen erschien sehr mühsam, und das Herz floss bei diesem Anblick fast über vor Mitleid. Um es kurz zu machen : dieser Zustand dauerte genau drei Tage. Seitdem macht Sunny ihrem Namen und ihrer Art alle Ehre und ist die glücklichste Glückskatze mit dem sonnigsten Gemüt, das man sich vorstellen kann. Es gab keinerlei Eingliederungsprobleme, im Gegenteil, die anderen Katzen standen Schlange, um mit diesem jungen Wirbelwind mal eine Runde Fangen oder Katzenwrestling zu spielen. Wenn die Kleine eine gewisse Grundgeschwindigkeit erreicht hat, merkt man ihr ihre Behinderung gar nicht mehr an, sie flitzt dann genauso schnell durch die Gegend wie jede andere Katze.
Sie hatte anfangs einen derartigen Appetit, dass sich die neuen Dosenöffner langsam Sorgen machten, denn das einzige medizinische Problem, was aus Dreibeinigkeit folgen kann, ist Gelenkverschleiß in Folge von Übergewicht und daraus folgender Überbelastung des Bewegungsapparates. Zum Glück haben sich die Fressattacken mittlerweile gegeben, nur wenn die Dosine frisches Katzenfutter zubereitet und zu diesem Zwecke kiloweise Rinderherzen kleinschnibbelt, dann steht Sunny Gewehr bei Fuß und frisst sich kugelrund. Und natürlich beim morgendlichen Klickertraining um "Stängchen" (Sunny macht schon sehr schön "Hopp", gibt dem Finger einen Nasenkuss und "gibt auch fünf", letzteres aber natürlich mit der Nase, da sie ihr verbliebenes Vorderbein doch lieber zum Stehen verwendet). Nun ja, und sie ist neuerdings auf die Wurst gekommen - wenn die Dosine morgens den Obstsalat für den momentan anwesenden Urlaubspapagei anrichtet, lungert Sunny ständig vor dem Kühlschrank herum, und wehe, man gibt ihr keine Wurst, dann wird sie laut.
Ansonsten verbringt sie gerne die Nächte im Balkongehege und lässt sich den Nachtwind um die Nase wehen. Die Dosenöffner bauen noch an dem Gartenzaun, der auch der behinderten Sunny bald die Gartenbenutzung ermöglichen soll.

Wirklich lustig an Sunny ist, dass sie alle anderen Tiere hochgradig faszinierend findet, seien es Schildkröten oder Papageien. Sie sitzt stundenlang vor den entsprechenden Gehegen und betreibt Naturforschung.

Nach einem halben Jahr im neuen Heim lässt Sunny sich immer noch nicht streicheln. Auch zum katzenartigen Betteln mit "um die Beine gehen" konnte sie noch nicht überredet werden. Obwohl doch Siamkater Gismo ihr bester Freund ist, und sie sich derlei Verhalten schon hundertmal angeschaut hat. Aber irgendwie ist sie noch nicht auf die Idee gekommen, es selbst mal auszuprobieren.

Die Dosenöffner sind jedoch überzeugt, dass der Tag auch für Sunny kommen wird, und dann wird es der schönste Tag des Jahres.
Bis dahin hilft es schon ungemein, dass sie mittlerweile immerhin gehorcht. Hatte sie doch im Tierheim das Pflegepersonal zur Verzweiflung getrieben, indem sie es schlichtweg ablehnte, ihren Platz säubern zu lassen, und den Pflegern unter dem Motto "Pfoten weg!" bei der Annäherung an ihre Schlafstelle sogar auf dieselben gehauen hatte. Das hat sie in ihrem neuen Heim nur einmal gemacht, das Frauchen war hochgradig erschrocken, aber es nützt ja nichts: geputzt muss werden. Nachdem schimpfen und sogar lautes Schimpfen überhaupt keinen Eindruck bei der vermeintlich tobenden, weil spuckenden und fauchenden Sunny hinterließen, musste das Frauchen zum äußersten Mittel greifen, wenn auch ungern, und fauchte so laut wie möglich zurück. Seitdem darf das Frauchen unbehelligt putzen, und Sunny kennt ihren Platz : was das Fauchen angeht, ist sie eben nur Zweite.

Sunnys Geschichte soll auch andere Halter zahmer Katzen davon überzeugen, dass es durchaus etwas für sich hat, einmal ein scheues Tier dazuzunehmen. Bei der Vergesellschaftung hat es sogar Vorteile gegenüber der Vergesellschaftung mit zahmen Katzen, haben menschenscheue Katzen doch zunächst keinerlei Interesse an Streicheleinheiten oder einem Platz auf dem Schoß. Eifersucht kann so gar nicht erst aufkommen. Und die Erfahrung, wie es ist, wenn so ein Tier nach mehr oder weniger langer Zeit dann zum ersten Mal von sich aus kommt, und einem das Herz überläuft vor lauter Freude, so dass man sich kaum zu atmen traut, aus Angst, das scheue Wesen gleich wieder zu verschrecken, die ist wirklich durch nichts zu ersetzen.