Ramsi



Gismo, der Kater mit den zwei Gesichtern


(Dieser Artikel wurde ursprünglich für das Magazin "Stadtgeschnupper" geschrieben.)
"Der ist ja süß !" ist die einhellige Meinung eines jeden, der Gismo sieht.
Wie kommt es, dass ein solches Bild von einem Kater qua Gnadenadoption so gerade eben eine feste Familie in Form seiner ehemaligen Pflegestelle bekommen hat, statt, wie es seines Standes und seiner Rasse geziemt, Alleinherrscher über eine Villa mit Park und einem stattlichen Harem zu sein ?
Als Gismo im Sommer 2005 in Stolberg ausgesetzt aufgefunden wurde, war er ein Bild des Jammers.
Sein Hals sah aus, als wäre er mit dem Kopf irgendwo steckengeblieben, wie sich im Tierheim Aachen schnell herausstellte, hatte er jedoch einen Hang zur Selbstverstümmelung. Sprich : er hatte sich so lange gekratzt, bis an seinem Hals fast keine Haut mehr übrig war, ganz zu schweigen von Fell. Medizinisch ließ sich kein Grund dafür feststellen, und da er auf eine Kortisonbehandlung gut ansprach, wurde er schnell vermittelt. Sie erinnern sich :"Ist der süß !" Ja, und blaue Augen hat er noch dazu.
Leider fing er in seinem neuen Zuhause wieder verstärkt an, sich zu kratzen, und außerdem pinkelte er auch noch alles voll, sogar die Sachen des Babys, und griff Menschen an.
Eine naturheilkundliche Behandlung brachte keine Besserung, und eine Nachkontrolle des Tierheims traf Gismo wieder in desolatem Zustand an.

Die Familie war mit ihrem Latein am Ende und willigte ein, Gismo wieder ins Tierheim zurückzugeben.
Dort wurde eine erneute Kortisonbehandlung durchgeführt, auf die der Kater wiederum gut ansprach.
Weitere medizinische Untersuchungen brachten nach wie vor kein Ergebnis. Eine bewährte Pflegestelle wurde gebeten, ihn aufzunehmen, um seinem Zustand etwas mehr auf den Grund zu gehen und eventuell eine Ausschlussdiät zur Abklärung eventueller Allergien durchzuführen.
Tag 1, Januar 2006: Gismo setzte sich sofort auf den Schoß. Ein beiläufiges Kraulen hatte einen Wutausbruch mit Festbeißen im Arm zur Folge.
Was für ein Herzchen ! So etwas war auf der Pflegestelle neu. Klobenutzung wird verweigert. Sowas.
Das Standardprogramm für "undichte" Katzen besteht darin, verschiedene Klos mit verschiedenem Inhalt aufzustellen.
Gismo benutzt fortan Klos mit Küchenpapier statt mit Streu. Ach ja, Durchfall hat er auch noch, und außer dem Gekratze fehlt ihm auch noch die halbe Nase - sie ist schlicht weggeleckt - und im Zweifelsfall setzt er sich gerne hin und kaut lautstark auf den Krallen.
Weiter Untersuchungen bezüglich Urin und Kot bringen wie immer kein Ergebnis.
Eine Röntgenaufnahme bringt schließlich eine schlimme alte Rückenverletzung an den Tag.
Außerdem hat er eine Senkblase und sein Darm ist teilweise gelähmt. Endlich gab es wenigstens eine Erklärung für seine Toilettenvorlieben.
Vermutlich hatte er, als seine Rückenverletzung akut war, so starke Schmerzen auf dem Klo, dass er seitdem den Geruch von Katzenstreu mit Schmerzen verbindet und deswegen einfach nicht auf normalen Klos "kann".
Außerdem liegt die Vermutung nahe, dass seine Vorbesitzer, also die Katzenaussetzer, dafür kein Verständnis hatten und deswegen mit dem extrem anhänglichen Gismo so lange herumgemeckert haben, bis er aus lauter Selbsthass angefangen hat, sich selbst zu verstümmeln.
Wie dem auch sei : nachdem die Klofrage geklärt und der Durchfall per Darmsanierung gestoppt war, hörte Gismo mit der Kratzerei auf, sein Kopf verheilte ganz ohne Medikamente und übrig blieb ein Bild von einem Kater, der am liebsten 12 Stunden täglich schmust und ganz auf seine Menschen bezogen ist.
Da aber nie ganz geklärt werden wird, was seine Selbstverstümmelung auslöste, und man außerdem bereit sein muss, täglich seine Klos zu schrubben, wäre es unverantwortlich, ihn weiter zu vermitteln, da er sich, wenn er will, innerhalb eines Tages in seinen traurigen Zustand zurückversetzen kann.
Deswegen wurde er von der Pflegestelle adoptiert und ist jetzt glücklich in seinem Zuhause.
Neuerdings hat er sogar eine Katzenfreundin, die kleine dreibeinige Sunny, die im Tierheim Aachen noch Josie hieß, aber dies ist eine andere Geschichte und die soll ein andermal erzählt werden. Bis dahin lebt Gismo weiter glücklich, zufrieden, verschmust und verspielt und allgemein wegen seiner
Schönheit bewundert, bei seiner Familie - diesmal für immer.
Menschen greift er auch nicht mehr an. Er warnt jetzt wie jede andere Katze auch per Schwanzwedeln, wenn ihm etwas nicht passt, dann behält man einfach seine Finger bei sich, und niemand wird verletzt.
Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass Gismo Bälle apportiert ? Das ist übrigens total süß! Und wie er sich freut, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt - er hüpft sofort auf den Schoß und schnurrt lautstark, während er sich den schön verheilten Hals kraulen lässt. Das ist so süß, und man wird von tiefem Mitleid für all die gismolosen Menschen ergriffen...